SAMSTAGSINTERVIEW: Die hohe Kunst des Baumfällens
(Märkische Allgemeine Zeitung)
Oliver Dossow trainiert Deutschlands Waldarbeiter-Nationalteam im Umgang mit der Säge
MAZ: Sind Sie ein Naturliebhaber?
Oliver Dossow: Ja.
Warum fällen Sie dann Bäume?
Dossow: Es gehört zum Kreislauf der Natur, dass man Bäume pflanzt und fällt. Die hohe Kunst ist es, den alten Baum so zu fällen, dass nichts kaputt geschlagen wird und die jungen Bäume unter ihm mehr Licht und damit bessere Lebenschancen bekommen. Es ist ja auch eine Disziplin bei Wettkämpfen, so zielgenau zu fällen, dass Neupflanzungen keinen Schaden nehmen. Das Fällen ist aber nur ein Teil der Arbeit. Dass erste, was ein Forstwirt lernt, ist das Pflanzen von Bäumen. Es gilt das Credo, mehr Bäume zu pflanzen als zu fällen. Und Holz wird gebraucht – in der Möbel- und Papierindustrie oder als Brennstoff. Holz ist der einzige CO2-neutrale Brennstoff. Was beim Verbrennen freigesetzt wird, hat der Baum vorher der Luft entnommen.
Was ist ein Baum für Sie – ein Sportgerät, ein Kontrahent, den man besiegen will, oder ein Naturwesen?
Dossow: Ein Naturwesen. Bei Waldarbeitern ist es ähnlich wie bei einem Bauern, der seine Äcker bestellt und später erntet, was er gesät hat. Bei uns ist nur das Zeitverhältnis verschoben: Wir ernten, was unsere Großväter gepflanzt haben und müssen dafür sorgen, dass unsere Enkel noch etwas ernten können.
Was denkt man, wenn man einen 80 Jahre alten Baum in 80 Sekunden zu Fall bringt?
Dossow: Er hat sein Leben gelebt. Wenn er gefällt ist, schaut man sich die Jahresringe an und guckt, ob er gesund ist. Man denkt zum Beispiel daran, dass er gute Kanthölzer gibt oder Bohlen für Fensterrahmen. Und man freut sich, dass er alle Stürme überstanden hat und gesund geblieben ist. Im Revier bei Krampnitz haben wir Eichen geschlagen, die 250 Jahre alt waren. Die wurden auf dem Wertholzplatz versteigert, ein Stamm brachte 2800 Euro. Wenn man solche Bäume stehen lässt, würden sie irgendwann faulen.
Ehrfurcht spielt keine Rolle? Die 250 Jahre alten Eichen gab es schon, als hierzulande noch Friedrich der Große regierte.
Dossow: Wir beteiligen uns in Brandenburg an dem EU-Projekt „Methusalem“. Es sieht vor, einzelne alte Bäume stehen zu lassen. Sie dürfen uralt werden und im Wald zusammenbrechen. Hier kommt Ehrfurcht zum Ausdruck. Diese Bäume werden vom Revierförster ausgewählt, bekommen eine Plakette und bleiben bis an ihr natürliches Ende stehen – unter ihnen 300 Jahre alte Buchen.
Wie schnell muss man einen Baum fällen, um Weltmeister zu werden?
Dossow: Die Schnelligkeit ist nur ein Kriterium, wichtiger noch ist die Genauigkeit. Die Zielfällung ist die Königsdisziplin bei Wettkämpfen. Man hat drei Minuten Zeit, muss den Baum aber möglichst so fällen, dass er einen Pflock trifft und in die Erde rammt. Das schaffen nur wenige.
Sie haben es oft geschafft, wurden zwei Mal deutscher Meister und sechs Mal Meister in Brandenburg. Wie aber kann ein Brandenburger die erste Waldarbeiter-Landesmeisterschaft von Nordrhein-Westfalen gewinnen?
Dossow: Es war nach der deutschen Einheit die erste Landesmeisterschaft im Westen. In der DDR gab es solche Wettkämpfe schon vorher. Ich habe zu der Zeit meine Meisterausbildung in Nordrhein-Westfalen gemacht. Bei den Landesmeisterschaften 1991 gab es keine Gästeklasse. Ich hatte die meisten Punkte, und so mussten sie einen Brandenburger zum NRW-Meister küren. Danach gab es Gästeklassen, um so etwas künftig zu verhindern.
Wie geht es dem märkischen Wald?
Dossow: Ihm ging es schon schlechter. Die Kiefer als dominierender Baum in Brandenburg kann sich mit klimatischen Extremen besser arrangieren, kommt mit Sommerhitze besser klar als Eiche und Buche.
Sie wohnen in der „Waldgemeinde“ Wilhelmshorst. Holzfäller sind dort nicht gern gesehen. Werden Sie im Ort noch gegrüßt?
Dossow: Ich werde nicht nur gegrüßt, es wird auch meine Hilfe in Anspruch genommen. Zum Beispiel für Sicherheitsschnitte an beschädigten Baumkronen. Die Leute wissen, dass ich nicht einfach so einen Baum fälle. Und sie wissen, dass ich manche Entscheidung der Ämter kritisch sehe. Wenn etwa in Wilhelmshorst für eine Erdwärmeheizung alle Bäume auf einem Grundstück gefällt werden, hat das mit Ökologie nicht viel zu tun. In einer Waldgemeinde sollte so etwas verboten sein. Die Grundstücke sind groß genug, um Bäumen Platz zu bieten. Und wer eine Erdwärmeheizung haben will, muss eine Tiefenbohrung machen, um flächendeckende Abholzungen zu vermeiden.
Baumfällungen und Pflegeschnitte, die Krüppel hinterlassen, sorgten immer wieder für Unmut. Was würden Sie anders machen, wenn Sie Ordnungsamtsleiter wären?
Dossow: Ich würde mir die Baumpflege-Firmen genau angucken, die da zum Einsatz kommen. Die Kommune sollte Qualitätsnachweise von ihnen verlangen.
Für Wilhelmshorst wird ein neuer Baumschutzbeauftragter gesucht – ein Job für Sie?
Dossow: Es würde sich beißen mit meiner jetzigen Tätigkeit. Ich bin ja als Forstwirt in der Baumpflege tätig.
Was hat Sie in den Wald gezogen?
Dossow: Ich bin in Wilhelmshorst mit Bäumen aufgewachsen. Für mich war klar, dass es ein Beruf im Freien sein muss. Ich habe mich für die Forst entschieden und es nicht bereut. Bäume bestimmen auch meine Freizeit. Es fasziniert mich, aus runden Stämmen etwas zu errichten. Ich habe mir zum Beispiel in Wilhelmshorst ein Blockhaus aus selbstgefällten Bäumen gebaut.
Das waren aber keine Kiefern aus Wilhelmshorst?
Dossow: Die Bäume standen im Forstrevier Caputh. Unter den 100-jährigen Kiefern haben sich 50-jährige Buchen gefreut, dass sie jetzt mehr Licht haben.